Forstfelder Geschichte[n]
Forstfelder Geschichte im Web von Falk Urlen
Ein “offizielles Jubiläumsprojekt 2013” von “Kassel 1100” im Rahmen “Kultur im Kasseler Osten”
Home Überblick Geschichte Ansiedlungen Vereine Institutionen Personen/Gewerbe Impressum Am 01. April 1909 eröffnete Ernst Krell in der Wolfsschlucht in Kassel einen Großhandel für Butter, Käse und Fettwaren, so der Eintrag in der Kasseler Chronik. Wie kam es aber dazu? Ernst Krell stammte aus dem Dorf Suess, heute ein Ortsteil von Wildeck bei Sontra. Er hatte das Schlachterhandwerk gelernt, arbeitete als Hausschlachter, zwei seiner Bründer arbeiteten für ihn, er verkaufte die Ware in Kassel. 1909 mietete er für sein Geschäft in der Wolfsschlucht eine Kellerwohnung und, nachdem immer mehr Kunden auch nach Butter fragten, produzierte er hier in Handarbeit Butter in Butterfässern, die in hölzerne Models gestrichen und in Pergamentpapier eingewickelt wurde. Ausgeliefert wurden die Produkte durch die zwei Kinder vor der Schule, bis die Lehrer das, wegen der offensichtlichen Müdigkeit dieser Schüler im Unterricht, unterbanden. Im Ersten Weltkrieg war Ernst Krell Soldat. 1922, auf dem Höhepunkt der Inflation, kaufte er sehr günstig eine ehemalige Farbenfabrik auf dem Lindenberg. Diese Fabrik war noch vor der Lungenheilanstalt, also vor 1915, dort errichtet worden, fernab jeder Besiedlung, weil diese Art von Fabriken wegen ihrer Gefährlichkeit 1,5 km Abstand zur nächsten Bebauung haben mussten. Ein Fuhrunternehmer aus Burghofen bei Waldkappel, ein Kriegskamerad von Ernst Krell, hatte eine Konzession auf Lebenszeit, Milch im Gebiet um den Meissner einzusammeln; diese brachte er zur Molkerei auf dem Lindenberg. Zunächst wurde in den alten Räumen improvisiert, dann wurde die Fabrik 1932 zum ersten Mal modernisiert und war jetzt die „Germania-Molkerei“ mit einem neuen Kesselhaus und dem hohen viereckigen Schornstein. Geheizt wurde mit Koks aus der Kasseler Gasanstalt. Auf dem Gelände befindet sich ein Feuerlöschbrunnen, der ab einer bestimmten Betriebsgröße vorgeschrieben war. In diesem Brunnen ertrank ein Kind der Familie Krell. Der Sohn, Werner Krell, hatte in Mecklenburg das Molkerei-Handwerk gelernt und hatte hier „sibirische“ Butter, die über Rostock aus Russland importiert wurde, kennen gelernt. Diese führte er nun nach Kassel ein, sie wurde ein sehr gutes Geschäft. Für Bäcker und Konditoreien war sie das ideale Fett. Am 26. August 1939 heiratete Werner Krell und wurde am nächsten Tag zum Militär eingezogen. In dieser Zeit war sein Bruder Walter Krell, auch Molkereimeister, Betriebsleiter. 1943 wurde Walter eingezogen und war bis 1948 in Kriegsgefangenschaft, Werner leitete zunächst den Betrieb, danach beide. 1941 war der Gründer gestorben, die Mutter, Anna Krell, behielt aber die Zügel bis 1968, also bis zum 80. Lebensjahr, in der Hand, obwohl sie weder betriebswirtschaftlich noch fachlich ausgebildet war. Der Großhandel in der Wolfsschlucht war dort bis zur Bombennacht 1943 weiter betrieben worden, danach auf dem Lindenberg. Von 1936 bis 1948 war die „Germania Molkerei“ die „Butterauffangstelle“ für Kurhessen, d. h., dass hier angelieferte Fremdbutter verpackt werden durfte, ein sehr gutes Geschäft. Für das Portionieren von einem kg Butter, die damals 12,50 RM je kg kostete, wurde 1 RM bezahlt. Ein Henschel-Arbeiter verdiente damals 1 RM pro Stunde, viele andere Arbeiter wesentlich weniger. 1952 wurde fast die gesamte Molkerei abschnittsweise abgerissen und neu aufgebaut. Ein Milchverkauf wurde von der Eigentümerin im Gebäude am Forstbachweg bis zum Ende der 50er Jahre betrieben. Bereits 1949 hatte Werner Krell am Ständeplatz 11 auf dem von einer Tante erworbenen Grundstück ein Ärzte- und Geschäftshaus gebaut, welches später an die Sparkasse verkauft wurde. 1954 baute er in der Kurfürstenstr. 10 den ersten und modernsten Selbstbedienungsladen in Kassel, die HLK (Hessische Lebensmittel-Kaufstätte) mit Stehimbiss und Schlachterei. Bis zu 800 Essen wurden täglich ausgegeben, pro Woche wurden 20 - 25 Schweine geschlachtet, 14 Menschen wurden beschäftigt und 1957 betrug der Tagesumsatz über 10000 DM. Eine Milchbar durfte da natürlich auch nicht fehlen. In den 70er Jahren ging der Umsatz aufgrund der allgemeinen Motorisierung und damit der mit der Bahn pendelnden Kunden zurück, die Laufkundschaft zum und vom Bahnhof wurde immer weniger. Parkplätze gab es kaum. In den 70er Jahren wurde das Geschäft aufgegeben. Die Lebensmittelgroßhandlung hatte Auslieferungslager in Fulda, Marburg, Hersfeld, Holzhausen/Biedenkopf, Northeim, Göttingen, Eschwege, Volkmarsen, Einbeck und Groß-Schneen. Lastzüge versorgten von Kassel aus die Niederlassungen, von denen aus dann kleine Geschäfte beliefert wurden. Wenn die Kinder von der Schule kamen, gab es nicht gleich Essen, so Werner Krell jun., sie mussten erst Käse, der in großen Gebinden oder Laiben angeliefert wurde, portionieren und abwiegen, auch Speiseöl musste aus großen 200-l-Fässern in kleinere Gebinde umgefüllt werden. In den 60er Jahren begann dann das Sterben der „Tante-Emma-Läden“, am Großhandel war kaum noch etwas zu verdienen, worauf die Geschäftsleitung aber nicht reagierte. Der Sohn Werner Krells empfahl seinem Vater, die damals in Mode gekommenen Diskountläden zu betreiben, was dieser aber vehement ablehnte: „Ich bin nicht der billige Jacob und auch nicht der billige Krell“ soll er seinem Sohn empört gesagt haben. Danach verließ dieser den Familienbetrieb, um sich als kaufmännischer Angestellter bei anderen Molkereien und Discount- und Großmärkten sein Geld zu verdienen. Später machte er sich als Wirt und Campingplatzbetreiber selbstständig. Das Erbe an der Molkerei schlug er aus. Das Unternehmen stellte im Dezember 2004 einen Insolvenzantrag, damals waren 45 Mitarbeiterinnen und
Molkerei Lindenberg Gebr. Krell, GmbH & Co., KG
Inhaltsverzeichnis
Mitarbeiter beschäftigt, die ihren Arbeitsplatz verloren, auch viele Milchbauern verloren ihre Einnahmen und ihre Geldforderungen. Der Kasseler Rechtsanwalt Jens Wöllenstein macht Misswirtschaft und schlechte Organisation für die Insolvenz verantwortlich. 37 Mio. kg Milch waren in Kassel vor allem zu H-Milch, aber auch zu Quark und anderen Milchfrischprodukten verarbeitet worden, so die Zeitung „Karriere-News“ am 4. August 2005. Weiter schreibt die Zeitung: „Bei dem heutigen Preisniveau für diese Massenartikel war der Betrieb wohl zu klein, um auch mit einem besseren Management bestehen zu können.“ Es blieben Schulden von über 6 Millionen €. Jetzt verrotten Gebäude und Geräte, das große Gelände  entwickelt sich zu einem Schandfleck auf dem Lindenberg,  wie die Anwohner beklagen. Vielleicht steckt aber in jedem  Ende auch ein Anfang: Können hier vielleicht, mitten in  einem Siedlungsgebiet in wunderschöner Lage, nicht  vielleicht Bauplätze geschaffen werden? Der Ortsbeirat will  die Entwicklung im Auge behalten.  Anmerkung: Karl Rössner schrieb einmal für die  Forstfelder kleine Zeitung:  "Amüsiert habe ich mich über die Werbung der  Privatmolkerei Lindenberg an der Eisenbahnbrücke über den  Forstbachweg. Dort zeigt das Wappen im oberen Feld  anstelle der 6 Kleeblätter eine Kuh. Hat die Kuh die  Kleeblätter abgefressen?"  Quellen:  Interviews am 17. Juli und 02. August 2011 mit Werner  Krell jun. für das Freie Radio Kassel (Falk Urlen) HNA: 2004 (Jobs und Höfe in Gefahr); 28.12.2004  (Einzige Molkerei in der Region) "Karriere News" v. 04.08.2005 (Milchindustrie: erlebt  Ausleseprozess)  Internet: Kassel und die Region: Chronik Forstfelder kleine Zeitung (Karl Rössner) Bilder: Fotoalbum der Familie Krell Einen Ausschnitt aus dem Interview mit Werner Krell,  gesendet am 21.08.2011 im Freien Radio Kassel, können Sie  mit dem unteren Button herunterladen. 
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